Eine Speisekarte ist die Visitenkarte der Küche und eine verbindliche, schriftliche Offerte.
Wer auf der Speisekarte «Hirsch aus einheimischer Jagd» ankündigt, aber Wild aus Neuseeland auftischt, begeht einen Betrug und damit eine Straftat. Das dürfte wohl allen klar sein. Man kann aber auch mit falsch gewählten Begriffen sowie mit Tipp- und Schreibfehlern auf der Speisekarte in Schwierigkeiten geraten.
Begriffe wie Mandelmilch, vegane Mayonnaise oder Kalbswurst auf Sojabasis beispielsweise sind verboten. Einerseits, weil sie die für die jeweilige Sachbezeichnung definierten Kriterien nicht erfüllen oder weil der Begriff täuschend ist.* Keine juristischen Probleme gibt es, wenn man Mandeldrink oder vegane Alternative zu Mayonnaise schreibt.
Rechtlich problematisch wird es auch, wenn Übersetzungsfehler nicht bemerkt werden. Eine Falle stellt diesbezüglich die Seezunge, auch Sole genannt, dar. Die preislich günstigere Rotzunge oder Limande wird von Produzenten gerne mit der englischen Bezeichnung «Lemon Sole» beschriftet. Köche und Wirte, die zu wenig Englischkenntnisse haben, setzen die Rotzunge dann fälschlicherweise als Seezunge auf die Speisekarte. Ein Versehen, dass teuer werden kann, wenn es als Betrug angezeigt wird.
Übersetzungs- oder Tippfehler auf Menükarten sorgen nicht immer nur für Ärger, sondern auch für Lacher. «Kahlgeschnetzeltes», «Kichererben», «Wolfsarsch» und «Rupf Steak» regen Fantasie und Lachmuskeln an. Sie wecken aber auch den Wunsch, dass bei der Zubereitung der Speisen sorgfältiger und professioneller gearbeitet wird als bei der Menükarte.
Betriebe mit vielen ausländischen Gästen sollten mehrsprachige Speisekarten anbieten, um den Umsatz zu steigern. Es lohnt sich, die Karten von Profis übersetzen zu lassen, die sich auf Gastronomie spezialisiert haben wie Marianne und Jean-Pierre Duboux (siehe Buchtipp links). Sie sind Herausgeber des Wörterbuchs Gastronomie-Hotellerie-Touristik und dessen gratis nutzbarer Online-Version duboux.net.
Komma und Bindestrich sorgen auf der Menükarte für Klarheit und sollten daher umsichtig gesetzt werden. Wer beispielsweise «Verlorenes Ei auf Toast mit Erbsen, grünen Bohnen und Spargelspitzen» schreibt, muss einen Toast servieren, auf dem das Ei zusammen mit Erbsen, Bohnen und Spargelspitzen liegt. Beim Gericht «Verlorenes Ei auf Toast, mit Erbsen, grünen Bohnen und Spargelspitzen» wird dem Gast zwar auch das Ei auf dem Toast serviert, Erbsen, Bohnen und Spargelspitzen jedoch liegen – so kündigt es das Komma an – neben dem Toast.
Auch ein Bindestrich kann eine Speise verändern. So ist die Essig-Kräuter-Sauce eine Sauce, die Essig und Kräuter enthält. Eine Essigkräuter-Sauce hingegen ist eine Sauce, die mit in Essig eingelegten Kräutern zubereitet wurde. Ein weiteres Beispiel ist die Orangen-Mokka-Eistorte. Sie ist eine Eistorte, die sowohl Mokka wie auch Orangen enthält. Dagegen ist die Orangen-Mokkaeistorte eine Torte aus Mokkaeis mit Orangen.
Der Bindestrich unterstützt zudem die Lesbarkeit von Gerichten. Safran-Gersotto liest sich leichter als Safrangersotto. Und Randen-Gel ist verständlicher als Randengel.
(Riccarda Frei)
*Quelle: Informationsschreiben 2020/3 vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV.